Artikel Gemeindezeitung Dezember 2021

„Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ (John F. Kennedy)

Liebe Altenbergerin, lieber Altenberger,

dieses Zitat, mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert alt, hat bis heute seine Gültigkeit nicht verloren. Es erhält im Gegenteil gerade in diesen Tagen, die uns alle fordern und belasten, eine besondere Bedeutung.

Versprochen wurde seitens mancher Politiker das Ende der Pandemie und ein „Leben wir früher“. Herausgekommen ist das, wovor alle namhaften Experten gewarnt haben – eine völlige Eskalation der COVID-Situation.

Die Spitäler inklusive Intensivstationen sind voll, und das trifft nicht nur – schlimm genug – die Erkrankten und das Personal vor Ort.

Operationen müssen verschoben werden, notwendige Behandlungen finden nicht statt. Nicht weil Pflegepersonal und Ärzte nicht wollen, sondern weil sie keine Ressourcen mehr zur Verfügung haben.

Wenn ich eine Herz- oder Krebsoperation plane, muss ich für einige Tage einen Platz auf einer Intensivstation „vorreservieren“, da ich diese Patienten nicht sofort auf Normalstation legen kann. Wenn ich keine Intensivbetten zur Verfügung habe, weil diese wochenlang von zumeist ungeimpften COVID-Patienten belegt sind, kann ich diese OP nicht machen. So einfach ist das, trotzdem können oder wollen es einige nach wie vor nicht verstehen.

Es gibt inzwischen bedrückende Fälle von Mitmenschen, die dies gerade erleben, und es kann auch jeden von uns schneller treffen, als man glaubt.

Die absolut überwiegende Mehrheit der Ärzte, egal in welchen Bereich, ist selbst geimpft und tritt auch seit fast einem Jahr dafür ein. Sollte das nicht zu denken geben?

Wenn ich mir die Verläufe der Erkrankten im eigenen Bereich ansehe, ergibt sich ein völlig eindeutiges Bild: Ungeschützte machen wesentlich öfter einen schwereren Verlauf durch. Im Gespräch ergibt sich dann oft die (zu) späte Erkenntnis, dass es doch besser gewesen wäre, eine Impfung zu haben.

Was ich in diesem Zusammenhang nicht verstehen kann ist, dass eindeutige Empfehlungen von Fachleuten, die neben einer aufwendigen Ausbildung auch jahrzehntelange einschlägige Erfahrung mitbringen, bei vielen nichts mehr zählt.

Mir würde es nie einfallen, dem Mechaniker meines Vertrauens zu erklären, wie er mein Auto zu reparieren hat. Oder meinem Installateur, wie er meine Heizung warten soll. Ich möchte nämlich nicht gegen einen Baum fahren oder in die Luft fliegen.

Mein Urgroßvater, den ich zwölf Jahre kennenlernen durfte, hat – wie so viele seiner Generation - als 1897 Geborener fast das gesamte 20. Jahrhundert mitgemacht. Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Bürgerkrieg, zweiten Weltkrieg, Wiederaufbau. Verlust aller männlichen Geschwister, ein Sohn gefallen.

Er ist mir trotz allem, was er ertragen musste, als geradliniger, humorvoller, sozial engagierter Mensch und Vorbild in Erinnerung geblieben.

Heute reden wir von einer Impfung – EINER IMPFUNG! – und für manche scheint deswegen die Welt unterzugehen. Milliarden von COVID-Impfungen wurde weltweit verabreicht, über zehn Millionen in Österreich, knapp zweitausend in unserer Ordination. So what?

Und noch einmal: es geht hier nicht nur um einen selbst, sondern auch um massive Auswirkungen auf andere.

Unkorrigierbarkeit, Realitätsverleugnung, Sturheit, Intoleranz und Aggressivität – soll das die neue „Freiheit“ sein? Umfassend aus unterschiedlichen seriösen Quellen informieren, Aussagen hinterfragen, Diskutieren, den eigenen Standpunkt überdenken und gegeben falls korrigieren – Fehlanzeige! Und nicht selten folgen Worten dann Taten.

Heute werden Krankenhäuser belagert und die dort schwerst arbeitenden Menschen ausgepfiffen, Ärzte und Wissenschaftler als Verbrecher bezeichnet und bedroht. Und das, weil sie ihre Pflicht erfüllen und sich um andere kümmern. Weit haben wir es als „aufgeklärte Wissensgesellschaft“ gebracht!

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump hat in seiner Nebenfunktion als Hobbymediziner seinen Landsleuten das Trinken bzw. Injizieren von Desinfektionsmitteln empfohlen. Dies hat tragischer Weise zu einigen Vergiftungsfällen geführt, es sind auch Menschen gestorben.

Inzwischen können wir das auch, nur ist es bei uns ein Wurmmittel.

 

Zum Abschluss etwas Positives: am Samstag, 27.11., hatten wir im Feuerwehrhaus Altenberg die erste „Pop-up Impfstraße“, eine perfekte Zusammenarbeit von Rotem Kreuz, Feuerwehr, Gemeinde, Apotheke und uns Ärzten.

565 Menschen haben sich vorwiegend den dritten Stich geholt, erfreulicherweise gab es aber auch viele, die sich erstmalig impfen ließen.

Die Stimmung war – trotz anfänglicher EDV-Probleme und daher entsprechender Wartezeit – absolut positiv, die Freude über dieses Angebot groß. In unzähligen Gesprächen kam klar heraus, dass die bisherigen Impfungen sehr gut vertragen wurden.

In Erinnerung geblieben sind mir vor allem zwei Gespräche:

  • Eine Dame, deren Tochter auf einer Intensivstation arbeitet und die sich mittlerweile nach ihrem Dienst fürchtet, am Nachhauseweg vor dem Krankenhaus von Impfgegnern angepöbelt zu werden.
  • Und ein älterer Herr, der erzählt hat, dass er trotz zweimaliger Impfung erkrankt ist, allerdings mit mildem Verlauf. Er hat auch versucht, seinen Bruder vom Sinn der Impfung zu überzeugen, leider vergeblich. Dieser ist vor einer Woche gestorben – an COVID-19.

Das ist die Wirklichkeit, wie ich sie jeden Tag in meiner Ordination und bei Visiten erlebe!

Und nicht der Schmarrn auf Youtube, den Leute verbreiten, die zumeist noch nie einen COVID-Kranken gesehen, geschweige denn behandelt haben.

Übrigens: am Samstag, 18. Dezember gibt es wieder die Möglichkeit, sich im Feuerwehrhaus impfen zu lassen.

Ihr Gemeindearzt,

Thomas Pachinger